Mittwoch, 11. Juli 2018

Nacht in Brüssel- und in meinem Herzen.

Einkaufs- und Partymeile von Brüssel.
Ein sehr spontaner Prayerwalk mit Marie (Namen geändert). Eigentlich waren wir eben noch beim Grillen mit BHOP.
„Öhm, dürfen wir mitkommen?“, 
auch wenn ich nur so halb wollte. Aber ich wollte es wollen.
Und so ziehen wir um 11 Uhr los, während sich so langsam die Dunkelheit auf Brüssel legt und die Fußballfans weitestgehend Richtung nach Hause schwanken, hupen und jubeln.
Und wir gehen die Straße ein Stück weiter. Wo zwischen abendlichen Spaziergängern, Partymeute und Fans alle paar hundert Meter eine Frau steht.
Eine Frau in High-Heels. Viel zu high Heels.
Sie steht dort und verkauft ihren Körper.
Und hier stehen wir.

Sie kennen Marie, die hier seit 5 Jahren jeden Freitag herkommt, um zu beten und für die Frauen da zu sein.
Manche sind distanziert, manche freuen sich, sie zu sehen und begrüßen sie mit einem Strahlen.
Sarah, eine der Frauen, nennt sie „Meine zweite Mama“.
Manche klagen ihr Leid, erzählen, was ihnen Sorgen macht, manche wissen nicht so recht, was sie sagen sollen.
Ça va?“
Marie fragt, wie es ihnen geht; sie fragen, wie es Marie geht.
Sie sind witzig, freudig, mitfühlend. Frauen, mit denen man einen Kaffee trinken gehen würde.

Vanessa, heute in Zivil, weil sie nicht auf Fußballfanvideo erkannt werden möchte.
Sie wirkt wie die Frau, die jede langweilige Geburtstagsparty mit ihrem Humor retten kann.
Sie macht Scherze, sie lacht.

Sarah, ausgemergelt, dünn, kantig, sie wirkt kaputt.
Aber sie ist mitfühlend, sie fragt mich, ob es mir gut geht, weil ich so müde bin und angestrengt- mit womöglich sehr verkrampftem Gesichtsausdruck- versuche, Französisch zu verstehen.  
Sie fragt zweimal.

„Of course I miss my family!“ - Wir wissen nicht so richtig, was wir fragen könnten.
Wir verkneifen uns ein „Was machst du so?“ – unsere Gedanken schleichen um den Elefanten im Raum: Sie verkauft Sex an Kerle von der Straße, die grinsend aus Autofenstern lehnen.
Ich hasse diese Männer ein bisschen. Aber es bleibt keine Zeit, über sie nachzudenken.
Ich hasse mich selbst ein bisschen. Wie ich in dieser Welt wohnen und das alles ignorieren kann.

Ich sehe sie an, diese kostbare Frau, und versuche, zu verdrängen, warum sie hier steht, nachts um 00:30 Uhr.
Ich versuche, zu ignorieren, dass direkt unter ihrem Kinn ein Meer von Brüsten schwimmt.
Ich denke nie darüber nach, was meine Freunde wohl machen, wenn sie auf der Arbeit sind.
Es beschäftigt mich nicht, wie viele Akten sie wohl pro Tag wälzen, wer wohl ihr Chef ist, wieviel sie verdienen.
Aber wir, wir kreisen um den Elefanten. Wir beide wissen, was sie tut. Sie mehr als ich.
Wenn ich heimkomme, dusche ich, bin noch am Computer. Irgendwann schlafe ich. Dann telefoniere ich mit meiner Familie.
Das klingt auf einmal so anders als das „Nach der Arbeit gehe ich heim, dusche, Netflix und dann schlaf ich“ eines Freundes.

Ich frag mich, ob sich so das Herz von Jesus anfühlt: Die Schönheit, die Freude, den Humor, die Einfühlsamkeit in ihren Gesichtern zu sehen, und doch der grausamen Realität gegenüber zu stehen, dass jede Nacht ein Laster bremst, anhält, schaut und dann trotzdem losfährt. Und die Schönheit Gottes liegt auf der Straße und wird plattgefahren.
Aber es ist nicht nur die Schönheit Gottes. Nicht nur ein schöner Baum oder Regenwald.
Es ist ein Teil des Herzens Gottes selbst, der da unter den Reifen ächzt.

Eine der Mädels- sie sieht abgesehen von ihren Schuhen aus wie eine Studentin, die gerade aus einem Café kommt- zeigt uns Bilder von ihrer Ausbildung. Sie ist Makeup-Artist und würde sich gerne selbständig machen.
Sie ist nicht nur komplett enthusiastisch über ihre Arbeit, sie ist auch noch extrem gut.
Für einen Zombiefilm hat sie klaffende Armwunden geschminkt und ich kann die Fotos keine Sekunde länger angucken, weil sie viel zu real aussehen.
Viel zu real ist auch die Tatsache, dass sie tagsüber eine talentierte Künstlerin ist und dennoch grade hier steht.
Ich höre keinen Enthusiasmus.

Wenn ich demnächst heiraten würde, wäre ich versucht, sie zu fragen, ob sie mein Makeup machen würde.
Natural“, würde sie sagen, passt zu mir, meinem Stil, meiner Gesichtsform.
Künstlerin“, würde ich sagen, „passt zu dir“, und die Realität lässt mich verstummen und treibt mir Tränen in die Augen.

Ich bin versucht, die ganze Nacht Frauen zum Geschminkt-Werden vorbei zu schicken.
Sie freizukaufen aus dieser Sklaverei.
You weren’t made for this!“ will ich ihnen sagen, aber das wissen sie längst.
Und trotzdem sehen sie sich gezwungen, hier zu stehen.

Sie lügen ihre Familien zuhause in Albanien an, was sie hier tun. Sind ihre Familien zu naiv oder wollen sie’s einfach nicht wissen?
Wie sitzt ihre Mutter zuhause und geht mit dem Geld aus Belgien einkaufen, ohne den leisesten Zweifel, womit ihre Tochter das wohl verdient hat?
Bricht es ihr auch das Herz?
Liegt sie manchmal nachts wach und macht sich Vorwürfe?
Hasst sie sich auch ein bisschen dafür, dass sie das zulässt?

Und ich sitze hier wach in Brüssel.
Eine Nacht, in der mich ungefähr 15 Prostituierte mit dem „bise“, Küsschen links und rechts, wie hier in Belgien üblich, begrüßen und verabschieden.
Nein, sie passen nicht mehr hinter eine Berufsbezeichnung.
Ich kenne ihre Namen. Sarah. Vanessa.

Und ich frage mich, wie er das aushält.
Er, der diese Frauen je und je geliebt hat, seit dem ersten Gedanken, den er über sie hatte, der sie ganz genau kennt und alles Kostbare, was er in sie gelegt hat. Und die Welt tritt seinen Schatz mit Füßen, benutzt ihn und wirft ihn dann wie Abfall zurück an den Straßenrand.

Läuft Jesus jede Nacht durch dieses Viertel und steht weinend neben ihnen? Wie zerbrochen muss sein Herz sein- und das ist nur eine Nacht in einer der Millionen Straßen in dieser kaputten Welt.

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